Barrierefreiheit in Shopware: was der Kern liefert und was fehlt
Die Standard-Storefront von Shopware bringt Sprunglinks, beschriftete Bedienelemente und Dialoge mit Fokusführung mit. In 6.6 steckt ein großer Teil davon hinter einem Schalter, der ab Werk aus ist — in 6.7 ist er fest eingebaut. Was der Kern abdeckt, was beim Shop bleibt und wo die Lücken liegen, aus dem Quelltext beider Versionen.

Eine Shopsoftware kann für Barrierefreiheit eine Grundlage liefern, aber nicht garantieren, dass der fertige Shop mit Tastatur und Screenreader bedienbar ist. Wie gut diese Grundlage ist, haben wir am Quelltext der Standard-Storefront in Shopware 6.6.10.6 und 6.7.2.2 geprüft — Templates, Stile, JavaScript und Standardfarben.
Rechtliche Fragen, etwa zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, klärt dieser Beitrag nicht. Einen Überblick über das Gesetz gibt unser Beitrag BFSG: Online-Shops barrierefrei gestalten aus dem Jahr 2025.
Der Schalter, der in 6.6 alles ändert
Der wichtigste Befund vorweg: In Shopware 6.6 gibt es einen Feature-Schalter namens ACCESSIBILITY_TWEAKS. Er ist ab Werk ausgeschaltet. Im Quelltext der 6.6-Storefront wird er an 330 Stellen in 112 Dateien abgefragt — überall dort, wo eine barrierefreie Fassung neben der alten steht. In 6.7 ist der Schalter ab Werk an und wird nicht mehr abgefragt: Die Verbesserungen sind fest eingebaut.
Was der Schalter unter anderem umstellt:
- Links im Fließtext werden unterstrichen, statt sich nur über die Farbe abzuheben.
- Der Fokusrahmen wird kräftiger und vollständig deckend.
- Formularfelder bekommen eine gemeinsame Komponente mit Verknüpfung zu Fehlermeldungen.
- Produktboxen enthalten nur noch einen Link statt mehrerer zum selben Ziel.
- Die Seitennavigation in Listings verwendet echte Links.
- Der Slider pausiert, wenn ein Element per Tastatur fokussiert wird.
Ein Shop auf 6.6 mit ausgeschaltetem Schalter liefert diese Punkte also nicht aus — auch wenn dieselbe Software sie mitbringt.
Was der Kern in beiden Versionen liefert
| Punkt | 6.6.10.6 | 6.7.2.2 |
|---|---|---|
| Sprunglinks zu Hauptinhalt, Suche und Navigation | ja | ja |
Sprache der Seite im lang-Attribut | ja, aktive Sprache | ja, aktive Sprache |
| Off-Canvas-Warenkorb und Menü als Dialog mit Fokusfalle und Fokus-Rückgabe | ja | ja |
| Mengenauswahl mit Beschriftung und Ansage der neuen Anzahl | ja | ja |
| Variantenauswahl als Gruppe mit Beschriftung | ja | ja |
| Slider-Pfeile mit übersetzter Beschriftung | ja | ja |
| Formularfelder mit Beschriftung | ja | ja |
| Fehlermeldung für Hilfsmittel mit dem Feld verknüpft | nur mit Schalter | ja |
Die Sprunglinks sind erst sichtbar, wenn sie den Fokus bekommen, und ihre Ziele existieren im Layout. Off-Canvas-Elemente merken sich, wo der Fokus vor dem Öffnen war, und setzen ihn beim Schließen dorthin zurück — ein Detail, das bei eigenen Pop-ups oft fehlt.
Alternativtexte: Der Kern gibt aus, was gepflegt ist
Die Storefront nimmt den Alternativtext eines Bildes aus der Medienverwaltung. Ist dort keiner gepflegt, gibt sie ein leeres alt="" aus. Das ist für ein schmückendes Bild richtig — für ein Bild mit Inhalt heißt es, dass ein Screenreader es überspringt.
Es gibt Ausnahmen mit Ersatztext: In der Produktbox eines Listings springt der Produktname ein, bei Positionen im Warenkorb und bei Zahl- und Versandarten deren Name. Beim Hauptbild der Produktgalerie gibt es diesen Ersatz nicht, und die kleinen Vorschaubilder der Galerie bekommen ohne gepflegten Text gar kein alt-Attribut.
Bei Bildern in Erlebniswelten entscheidet die Redaktion: Ein Bild lässt sich in der Administration als dekorativ markieren, dann gibt die Storefront bewusst ein leeres alt aus. Ab Werk ist diese Markierung aus — fehlt der Text, ist das Ergebnis aber dasselbe.
Fokus, Slider, Kontraste
Fokus. Der Fokusrahmen ist in 6.7 einheitlich kräftig. An einzelnen Stellen setzt das Stylesheet den Rahmen ohne erkennbaren Ersatz aus, etwa an den Punkten unter dem Slider. Ob auch die Schaltflächen einer Warenkorbposition betroffen sind, lässt sich ohne gerenderte Seite nicht eindeutig sagen.
Slider. In beiden Versionen hat der Slider keinen Knopf zum Anhalten, wenn er automatisch weiterläuft, und hält beim Überfahren mit der Maus nicht an. Die Ansagen für Hilfsmittel und die Beschriftung der Punkte kommen unübersetzt auf Englisch aus der mitgelieferten Slider-Bibliothek. Wer einen automatisch laufenden Slider einsetzt, muss das im Theme ergänzen — oder auf die automatische Bewegung verzichten.
Kontraste. Die Standardfarben aus der Theme-Konfiguration erfüllen die Anforderungen gut. Wir haben die Kontrastverhältnisse nach der Formel der WCAG berechnet:
| Farbe auf Weiß | Verhältnis |
|---|---|
| Fließtext | 13,2 : 1 |
| Primärfarbe, auch Kaufen-Schaltfläche | 9,2 : 1 |
| Platzhalter in Formularen | 5,5 : 1 |
| Fehlerfarbe | 6,4 : 1 |
| Rahmen von Eingabefeldern | 3,8 : 1 |
Für normalen Text verlangt die WCAG auf Stufe AA mindestens 4,5 zu 1, für Ränder von Bedienelementen 3 zu 1. Eine Schwachstelle gibt es in 6.6 ohne Schalter: Die Primärfarbe hebt sich vom Fließtext nur im Verhältnis 1,4 zu 1 ab. Links, die nicht unterstrichen sind, lassen sich dann allein über die Farbe kaum erkennen. Genau das ändert der Schalter. Und: Die meisten Shops setzen eigene Farben — dann gelten deren Werte, nicht diese.
Was beim Shop bleibt
- Inhalte. Texte aus Erlebniswelten gibt die Storefront so aus, wie sie eingegeben wurden. Überschriftenfolge, Linktexte und Tabellen liegen bei der Redaktion.
- Alternativtexte in der Medienverwaltung, und die Entscheidung, welche Bilder dekorativ sind.
- Theme. Eigene Farben, eigene Templates, eigene Bedienelemente. Ein Theme, das alte Templates kopiert hat, kann die Verbesserungen aus 6.7 wieder verlieren.
- Erweiterungen. Cookie-Banner, Pop-ups, Bewertungs-Widgets und andere Plugins bringen eigenes Markup mit. Für sie gilt nichts von dem, was hier steht.
- Einstellungen in 6.6. Der Schalter
ACCESSIBILITY_TWEAKS.
Wie Alternativtexte und Überschriften zugleich der Suchmaschinenoptimierung dienen, beschreibt OnPage-Optimierung im Onlineshop.
Shopware liefert in 6.7 eine gute Grundlage, in 6.6 erst mit eingeschaltetem Schalter. Ob der Shop barrierefrei ist, entscheiden Theme, Inhalte und Erweiterungen.
Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Shop steht, prüfen wir ihn mit Tastatur, Screenreader und Werkzeugen — mehr dazu auf der Seite Barrierefreiheit für Shops und Websites.
Häufige Fragen
- Ist Shopware barrierefrei?
- Die Standard-Storefront liefert eine solide Grundlage, vor allem in 6.7. Ob ein Shop barrierefrei ist, entscheidet das Ergebnis aus Theme, Inhalten, Erweiterungen und Einstellungen. Das lässt sich nur am einzelnen Shop prüfen.
- Wo schalte ich ACCESSIBILITY_TWEAKS in 6.6 ein?
- Feature-Schalter werden in Shopware über Umgebungsvariablen oder die Feature-Konfiguration gesetzt, je nach Hosting. Danach muss das Theme neu kompiliert werden, sonst greifen die geänderten Stile nicht. Testen Sie das zuerst auf einem Testsystem, weil sich Templates ändern, auf denen eigene Anpassungen aufbauen können.
- Muss ich nach dem Update auf 6.7 etwas tun?
- Die Verbesserungen sind dann aktiv. Prüfen Sie, ob Ihr Theme Templates überschreibt, die sich geändert haben — etwa Formularfelder, Produktboxen oder den Off-Canvas-Warenkorb. Ein Theme, das die alte Fassung kopiert hat, kann die Verbesserungen wieder entfernen.
- Gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz für meinen Shop?
- Das ist eine Rechtsfrage und kann nur Ihre Rechtsberatung beurteilen. Dieser Beitrag beschreibt, was die Software technisch liefert.
- Ersetzt diese Übersicht eine Prüfung?
- Nein. Sie zeigt, was der Quelltext der Standard-Storefront vorsieht. Wie sich ein konkreter Shop mit Tastatur und Screenreader bedienen lässt, zeigt nur ein Test an diesem Shop.
